18. August 2021
BesucherInnen im Blick, Vermittlungskonzepte, Wissenstransfer

Digital nachgegraben – oder: Von Punkt zu Punkt durchs Forschungsfeld

Ein digitales Tool, mit dem man in einem 10 Hektar weiten Museumspark archäologische Funde genau dort sichtbar macht, wo sie entdeckt wurden? Dieser Herausforderung stellt seit Anfang des Jahres das Varusschlacht-Museum.

Mit der Zeit wurde es immer voller. Hier ein Ausschnitt der Karte mit den angepinnten Beschreibungstexten, Screenshot: VARUSSCHLACHT im Osnabrücker Land gGmbH – Museum und Park Kalkriese, CC BY 4.0

Der Fundplatz Kalkriese ist bekannt als Ort der Varusschlacht. Der heutige Museumspark war vor 2000 Jahren offenbar einer der zentralen Orte des Geschehens. Tausende Funde blieben im Boden zurück und bilden heute die Grundlage unserer Forschungen. Sie sind zugleich die Basis des geplanten digitalen Entdecker*innentools. Die Objekte dort virtuell erfahrbar zu machen, wo sie aus dem Boden kamen, setzte allerdings einige Vorarbeiten voraus – die, wie sich zeigen sollte, zu überraschenden Ergebnissen führten.

Eine der ersten inhaltlichen Aufgaben war es zunächst, alle Fundstücke, die für die Präsentation im Tool interessant wären, auf einer Karte genau zu verorten. Gleichzeitig sollte auch darauf geachtet werden, wo sich besondere Fundkonstellationen zeigten – Bereiche, in denen Zusammenhänge zwischen einzelnen Objekten hergestellt werden könnten. Gerade diese Bereiche haben das Potential, Geschichten zu erzählen, Geschichten, die die Nutzer*innen unseres „Entdecker*innentools“ faszinieren und mitforschen lassen könnten.

Als Grundlage diente unsere digitale Funddatenbank, in der sämtliche Informationen zu den einzelnen Objekten gesammelt sind: Maße, Material, Fundschicht, Ansprache, aber auch die genauen Geodaten der Fundorte. Mit der Darstellung der genauen Fundorte in einem Geoinformationssystem (GIS) entstand so eine Karte des Museumsparks mit allen ausgewählten Funden – eine Wolke aus abertausenden Einzelpunkten, die sämtliche Funde aus allen Erdschichten von der Jungsteinzeit bis heute enthielt. Da die römischen und germanischen Funde für unser Tool von besonderem Interesse sind, musste ein Filter entwickelt werden. Eine meterdicke Erdschicht, der so genannte Plaggenesch, die seit dem Mittelalter Stück für Stück aufgetragen wurde, um die Bodenqualität zu verbessern, wurde zusammen mit den in ihr enthaltenen Funden mit einem Klick ausgeblendet. Weitere Filter färbten die Fundpunkte je nach Material des Objektes ein, sodass schließlich ein übersichtlicheres, ausgesuchtes Feld von nur noch etwa zweitausend bunten Punkten den Parkplan schmückte wie eine bizarre Tapete.

Plan des Museumsparks
Der Plan des Museumsparks mit den bereits durchgefilterten Fundpunkten. Die unterschiedlichen Farben der Punkte geben jeweils das Material des Objektes an, Screenshot: VARUSSCHLACHT im Osnabrücker Land gGmbH – Museum und Park Kalkriese, CC BY 4.0

Jetzt begann die eigentliche Arbeit. Um mögliche Zusammenhänge zu finden, musste jeder einzelne dieser Punkte angeklickt und untersucht werden: Um was für ein Objekt handelt es sich? Aus welchem Material bzw. Materialien besteht es? In welcher Erdschicht wurde es entdeckt? War ein Fund interessant, wurde ein digitaler Beschreibungszettel mit den wichtigsten Daten an den Punkt gepinnt, und weiter ging‘s.

Es gibt eine beeindruckende Publikation mit Karten des Ausgrabungsgeländes, auf denen alle bisher entdeckten römischen Waffen, Silberbleche und alle weiteren römischen Funde eingezeichnet sind, so, dass man einen sehr guten Überblick über die unterschiedlichen Fundgattungen hat. Jedoch sind diese nicht immer dafür geeignet, Zusammenhänge schnell zu erkennen. Bei einer Konzentration an Münzen, die auf der Karte mit den Münzfunden zu sehen ist, könnte man davon ausgehen, dass es sich um eine verlorene Geldbörse handelt. Doch wenn neben diesen Münzen ein römischer Militärgürtel (eingezeichnet in der Militaria-Karte) entdeckt wurde, liegt die Vermutung nahe, dass sich die Börse möglicherweise am Gürtel befunden haben könnte. Daher war das gleichzeitige Durchforschen aller Fundpunkte umso wichtiger.

Der Plan wuchs mit den Wochen. Immer wieder haben wir einzelne Funde mit der Sammlungsdatenbank „Kuniweb“ des Landes Niedersachsen abgeglichen, oder Objekte waren durch unsere Filter gerutscht und mussten anderswo aufgestöbert werden. Auch wenn diese Arbeit zu erheblichen körperlichen Verspannungen führte, machte sie dennoch Spaß, teilweise sogar süchtig. Man wollte immer wissen, was sich hinter dem nächsten bunten Punkt verbarg und ob dieser möglicherweise zu den umgebenden Funden passen könnte.

So war es auch bei einer Fundkonstellation etwa in der Mitte des Parks: Zunächst ergab das Anklicken eines Fundpunktes, dass es sich um den Auffindungsort eines bemerkenswerten Ensembles handelte: Sowohl ein eiserner Schildbuckel, eine Schildfessel und ein Randbeschlag mit Holzresten wurden hier zusammen entdeckt. Klar, hier muss es sich um die Überreste eines einzelnen Schildes handeln. Sie sind seit langem im Museum ausgestellt und ein Highlight der Sammlung. Dazwischen lag noch ein unbestimmbares Knochenfragment. Der nächste Fundpunkt, etwa 70 Zentimeter südwestlich ergab ein Objekt, das als eiserne „Schnalle?“ bezeichnet wurde. Ca. 60 Zentimeter östlich davon entfernt lag der bronzene, versilberte Beschlag eines Hängeschurzriemens, also ein Teil des römischen Militärgürtels. Eine Schnalle und in der Nähe der Teil eines Gürtels, das Ganze noch neben einem Schild? Das ließ aufhorchen. Direkt bei der möglichen Eisenschnalle zeigte sich ein beiger Fundpunkt, die Einfärbung für Knochenfunde. „Menschenknochen“ und „Bestimmung ungeklärt“ war der einzige Inhalt, der der Datenbank zu entnehmen war. Nach vielem Recherchieren und einem kleinen Foto in einer unserer Publikationen stellte sich heraus, dass es sich hierbei nicht lediglich um einen Knochen, sondern um den Leichenschatten eines vergangenen, menschlichen Kopfes handelte. Ein Teil der Schädelkalotte und des Kiefers lag sogar noch an ihrer ursprünglichen Stelle. Dicht daneben fand sich zudem noch ein Nadelfragment, vielleicht ein Teil einer Fibel, und ein unbestimmbares Knochenfragment in der Nähe des Schildes. All diese Funde konzentrierten sich in einem Bereich von 1,70 x 0,60 Meter, um sie herum lagen in nächster Nähe kaum weitere Objekte. Eine Überprüfung der Erdschichten, in der die einzelnen Funde entdeckt wurden sowie die eingemessenen Höhenwerte der Stücke bestätigten schließlich die Vermutung, dass sie nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich in Zusammenhang stehen könnten.

Schritt für Schritt
Schritt für Schritt entsteht ein mögliches Fundensemble, Screenshot: VARUSSCHLACHT im Osnabrücker Land gGmbH – Museum und Park Kalkriese, CC BY 4.0

Ein fast kompletter Schild, vermutlich eine Schnalle, der Beschlag eines römischen Militärgürtels, eine Nadelspitze und die Umrisse eines menschlichen Kopfes als Verfärbung im Sand mit Resten des Schädels. Dieses Fundensemble lädt geradezu ein, hier die Überreste eines einzelnen Soldaten zu sehen, der während des Schlachtgetümmels zu Tode kam und dabei sein Schild mit sich trug. Aber viele Fragen bleiben offen. Wo etwa ist der Rest der Ausrüstung und warum blieb etwa der Schild, ein Objekt, das man nicht leicht übersehen konnte, zurück? Oder ist diese Ansammlung an Gegenständen nur purer Zufall? Letztendlich kann man diese Fragen nicht sicher beantworten. Doch allein die Präsentation dieser Einzelobjekte lässt Bilder und Szenen im Kopf entstehen und regt zu eigenen Schlüssen und Vermutungen an. Auch dies soll ein wichtiger Bestandteil der digitalen Anwendung werden: Die Nutzer*innen sollen zu Forscher*innen werden und Inhalte einseh- und hinterfragbar werden.

Schildbuckel, Schildfessel und ein Randbeschlag
Schildbuckel, Schildfessel und ein Randbeschlag – die Überreste des (vermutlich langrechteckigen) Schildes, ein Highlight in der Dauerausstellung des Museums, Foto: Christian Grovermann, CC BY 4.0

Die Arbeit an der Fundkarte ist mittlerweile abgeschlossen. Es wurden noch viele weitere solcher Ensembles erfasst, die zuvor so nicht betrachtet wurden, aber jetzt in die Forschung miteinfließen. Sie werden es nicht alle in das Tool schaffen, aber allein schon die von uns getroffene Auswahl wird die zukünftigen Nutzer*innen geistig herausfordern und die Anwendung auch zu dem machen, was es später sein soll – einem „Entdecker*innen“-tool.

Beitrag von: Tobias Pfaff

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Teilprojekt: Tracking the Past – Vom Forschungsfeld zum Erlebnisraum
Teilprojekt

Tracking the Past – Vom Forschungsfeld zum Erlebnisraum

Das museum4punkt0-Team des Museums Varusschlacht im Osnabrücker Land Museum und Park Kalkriese entwickelt ein Entdecker-Tool, das archäologische Forschung digital vermittelt.