19. Februar 2021
Verbundarbeit, Vermittlungskonzepte, Wissenstransfer

Immaterielles digital vermittelt: Bestandsaufnahme und Empfehlungen

Materialisierung des Immateriellen? museum4punkt0-Projekt zum Zusammen- und Wechselspiel von immateriellem Kulturerbe und digitaler Vermittlungsformate

Immaterielles Kulturerbe digital vermitteln
Unfassbar, aber digital vermittelbar, immaterielles Kulturerbe, Foto Friederike Berlekamp, CC By 4.0

2021 ist das Institut für Museumsforschung mit seinem Teilprojekt zur digitalen Vermittlung des Immateriellen ein Partner des Verbundprojekts museum4punkt0 geworden. Es widmet sich einem bislang weniger beachteten Aspekt der Wissens- und Kulturvermittlung und berücksichtigt dabei vor allem die Funktions- und Wirkweisen der beiden Bereiche sowie ihr Wechselspiel. Unser Beitrag im Projekt museum4punkt0 umfasst neben einer ersten Bestandsaufnahme insbesondere ein Gutachten mit Empfehlungen für die Nutzung digitaler Medien in der Vermittlung des Immateriellen sowie Vorüberlegungen für die Entwicklung einer integrativen Plattform.

Geteiltes Wissen, gelebte Traditionen

Gedanken, Kenntnisse, Erinnerungen und Narrative, Stimmungen und Gefühle, Erlebnisse, Aktivitäten, Erfahrungen und Fertigkeiten sowie Gerüche und Geräusche, weitergegeben, -erzählt, -erklärt und mitunter vor- und fortgeführt und weiterentwickelt von ZeitzeugInnen und ZeitgenossInnen, in Gemeinschaften vor Ort oder / und auch an weit entfernten Plätzen. Der Mensch, seine Geschichte und Geschichten werden durch all diese immateriellen Elemente geprägt. Auf vielfältige Weisen und auf verschiedenen Ebenen erreichen sie daher die Menschen und können sie miteinander verbinden.

Seit 2003 steht der Schutz des Immateriellen als gelebtes Kulturerbe auch auf der Agenda der UNESCO mit ihrem besonderen Fokus auf mündlichen Überlieferungen und Ausdrucksformen, darstellende Künste, Gesang und Musik, Wissen über die Natur, handwerkliches Können sowie gemeinschaftliche Lebensformen. Es lebt von seiner fortwährenden Weitergabe und ist gekennzeichnet durch Improvisation, vielfältige Ausprägungen und stetige Veränderungen – eine Herausforderung für Museen!?

Medien im Museum, von der Präsentation zum Dialog

In Museen werden seit Langem Medien, wie Film-, Foto- und Tonaufnahmen genutzt, um diese nicht dinglichen und flüchtigen Elemente der menschlichen Existenz festzuhalten und zu vermitteln. Das Immaterielle erfährt damit bei seiner Vermittlung in der neuen Umgebung und durch die Nutzung von technischen Hilfsmitteln einen umfassenden Wandel.

Die neuesten digitalen Medien erlauben es, die Museumsarbeit und ihre Methoden weiterzudenken und weiterzuentwickeln. Vor allem die Plattformen und Dialogfunktionen der jüngsten Mediengenerationen bieten hier eine Vielzahl neuer Möglichkeiten, ortsunabhängig und an eigenen Interessen, Erfahrungen und Bedarfen orientiert mit AkteurInnen und PraktikerInnen sowie mit weiteren Mitwirkenden und Interessierten in Kontakt und Austausch zu treten.

Immateriell ↔ digital!

Im Rahmen unseres Teilprojektes „Materialisierung des Immateriellen?“ werden wir die Möglichkeiten und Grenzen der digitalen Medien im Umgang mit dem Immateriellen im Museum ausloten. Unser Vorhaben widmet sich dabei insbesondere dem Zusammen- und Wechselspiel des Immateriellen / immateriellen Kulturerbes und der digitalen Vermittlungsformate. Dieser Ansatz ist besonders spannend und verspricht interessante Erkenntnisse, denn sowohl die immateriellen Elemente als auch die verschiedenen Formate der digitalen Medien ermöglichen und fördern ein vielfältiges Verstehen und Verständnis sowie Handeln.

Unser Interesse richtet sich daher vor allem auf die Funktions- und Wirkweisen solcher Angebote. Wir möchten untersuchen, inwiefern digitale Formate die Bewahrung, Präsentation und Vermittlung immaterieller Elemente und gelebter Traditionen unterstützen. Wir werden zudem erörtern, welchen Beitrag sie leisten (können), das immaterielle Kulturerbe zu pflegen, fortzuführen und weiterzuentwickeln. Außerdem interessiert uns hier, was der Einsatz der Medien für die verschiedenen Akteure – unter anderen PraktikerInnen, BesucherInnen, NutzerInnen, MuseumsmitarbeiterInnen – bedeutet. Und wir nehmen auch die digitalen Vermittlungsangebote selbst in den Blick und beleuchten, wie sie sich im Umgang mit dem Immateriellen bewährt haben bzw. wie sie weiterentwickelt werden mussten.

Insbesondere vor dem Hintergrund der aktuellen Pandemiesituation, den Schließungen von Kultur- und Gemeinschaftseinrichtungen, Kontaktbeschränkungen und Abstandsgeboten, aber auch im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Diskussion zum Museum, gewinnen diese Fragestellungen an Relevanz.

Projektarbeit im Verbund

Mit der digitalen Vermittlung des Immateriellen befassen sich Friederike Berlekamp, Kathrin Grotz und Patricia Rahemipour. Unser Team ist komplementär aufgestellt und vereinigt Kenntnisse und Erfahrungen aus der Museumsforschung, der Kulturanthropologie und der Medienpsychologie. So können wir gemeinsam sowohl den Gegenstand (Immaterielles / immaterielles Kulturerbe) und seine „Übersetzung“ ins Digitale als auch die verwendeten digitalen Vermittlungs- und Dialogformate hinsichtlich ihrer Wirkungen aus verschiedenen Perspektiven in den Blick nehmen.

Wir freuen uns sehr auf die gemeinsamen Diskussionen und Überlegungen mit den KollegInnen von museum4punkt0. Der Verbund bietet für unser Vorhaben eine sehr inspirierende Umgebung, da er nicht nur eine immense Vielfalt an Erfahrungen und Kenntnissen vereint, sondern auch Institutionen zusammenführt, in denen immaterielles Kulturerbe und immaterielle Aspekte und Dimensionen in sehr verschiedenen Bereichen bereits behandelt werden bzw. stets mitschwingen. Darüber hinaus sind die hier bereits entwickelten digitalen Anwendungen für uns ein sehr wertvoller Wissens- und Praxis-Pool.

In unserer Studie möchten wir den Verbundpartnern von museum4punkt0 und weiteren interessierten Einrichtungen vielversprechende Zugänge und Handlungsweisen aufzeigen. Wir möchten einen neuen Blick auf digitale Anwendungen liefern und Museen dabei helfen, diese weiterzuentwickeln. Andererseits möchten wir mit unserem Teilprojekt auch Impulse geben, das Immaterielle als einen wesentlichen Teil des Sammlungsbestandes zu verstehen und zu behandeln, da es Denk- und Handlungsräume erweitert sowie neue Arbeitsweisen ermöglicht und auch erfordert.

Die von uns erhobenen und systematisch aufbereiteten Daten zur digitalen Vermittlung des Immateriellen / immateriellen Kulturerbes sowie unsere Auswertung stellen wir zum Abschluss des Teilprojektes auf der Plattform des Verbundes museum4punkt0 bereit. Sie stehen somit allen künftigen PraktikerInnen, EntwicklerInnen und NutzerInnen zur Verfügung, die das Immaterielle / immaterielle Kulturerbe über digitale Formate erschließen, vermitteln und kreativ weiterentwickeln wollen.

Beitrag von: Friederike Berlekamp

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Teilprojekt: Materialisierung des Immateriellen?
Teilprojekt

Materialisierung des Immateriellen?

Das museum4punkt0-Team des Instituts für Museumsforschung eruiert das Zusammen- und Wechselspiel von immateriellem Kulturerbe und digitalen Vermittlungsformaten.