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Wie schafft es ein Museum in die Zukunft?

Die Pandemiemaßnahmen stellten Museen vor große Herausforderungen und führten zugleich zu einer besonderen Dynamik in der digitalen Vermittlung. Ein Bericht aus dem Museum Narrenschopf.

Testlauf der Touchprojektion des Ambraser Tellers
Testlauf der Touchprojektion des Ambraser Tellers im Fastnachtsmuseum Narrenschopf, Foto: Ullrich Dittler, CC BY 4.0

„Und? Wie kommen Sie durch den Lockdown?“ Das war wohl eine der häufigsten Fragen, die den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Museum Narrenschopf in der ersten Jahreshälfte gestellt wurde (neben der Frage, ob wir geöffnet haben …). „Durch die Digitalisierung mit Hilfe von museum4punkt0 bestimmt ganz gut, oder?“

Die Antwort ist: „Jein.“ Nein, da keiner, wirklich keiner von uns je auf so eine Situation eingestellt war, je erwartet hätte. Eine monatelange Schließung des Museumsbetriebs, auch während der närrischen Hochsaison, gar ein Ausfall der gesamten Fastnacht! Zeitweise Öffnung mit Besucherlimitierung, mit Test, mit Maske, mit Registrierung … unter diesen Umständen auch eine empfindlich spürbare Zurückhaltung der Besucher*innen, keine Tourist*innen vor Ort, die mal eben reinschauen. Das Café war sogar noch länger geschlossen als das Museum. Eine regelrecht gespenstische Atmosphäre herrschte im ganzen Haus. Die meisten Mitarbeiter*innen arbeiteten im Home-Office, meist befand sich nur eine einsame Person in den Büros des Narrenschopfs, um das Nötigste vor Ort zu erledigen. Was gab es dem entgegenzusetzen?

Das von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages geförderte Projekt “museum4punkt0”, ein Pilotprojekt zur Digitalisierung von Museen, hatte zum Zeitpunkt des Projektbeginns 2017 in keiner Weise ein solches Szenario vor Augen, wie wir es nun seit bald zwei Jahren erleben.

Und doch entwickelte sich daraus eine Dynamik, die uns in dieser Pandemiephase von unfassbar großem Nutzen war. Die Digitalisierung, die sich bislang überwiegend auf das „Innere“, auf die Ausstellung, auf die Besucher im Museum konzentrierte, entfaltete nun seine Wirkung nach außen. Das ist das „Ja“. Ja, wir sind den Umständen entsprechend gut durch die Pandemie gekommen. Mit Hilfe der neuen digitalen Entwicklungen ist es uns gelungen, auch während des Lockdowns sichtbar, präsent und verfügbar zu bleiben.

Die Strategie des Teams von museum4punkt0 im Fastnachtsmuseum Narrenschopf zielte von Anfang an darauf ab, die Ausstellung der Objekte um das Immaterielle, das „Nichtsichtbare“ der Fastnacht zu erweitern. Häser und Larven, also Kostüme und Masken können ausgestellt werden, Museumsführer*innen können Geschichten und Anekdoten erzählen, die Präsentation um Filmaufnahmen und Tondokumente ergänzt werden – aber dennoch bleibt bei der analogen Ausstellung einiges von der lebendigen Fastnachtstradition auf der Strecke.

Das Immaterielle meint alles, was nicht angefasst werden kann. Die Musik, die Sprüche, die Rufe, die Geräusche, das bunte Treiben und die Emotionen, all das kann durch die Digitalisierung nun intensiver ausgestellt werden. Unsere Neuentwicklungen in dieser Richtung wurden im “Narrenbote” schon ausführlich beschrieben: Die VR-Brillen, das „Narretarium“ (die 360-Grad-Projektionskuppel) und die 3D-Vorführung des Narrentreffens in Bad Waldsee. Sie alle vermitteln die Illusion des Eintauchens in das reale Fastnachtsgeschehen. Eine Neuentwicklung im Rahmen von museum4punkt0 half uns besonders, präsent zu bleiben und sogar international wahrgenommen zu werden (wie uns Anfragen aus mehreren europäischen Ländern zeigten): Das virtuelle Fastnachtsmuseum. Eigentlich als Erweiterung und Vertiefung der Ausstellung konzipiert, ist es zusätzlich möglich, das Museum jederzeit und unabhängig vom Aufenthaltsort zu besuchen.

Das Entwicklungspotential und die Kraft, die hinter der Digitalisierung stecken, erkannten auch die Mitglieder des Bundestags, die mit ihrer Zustimmung dafür sorgten, dass museum4punkt0 im Rahmen von Neustart Kultur um ein weiteres Jahr verlängert wurde.

Dabei wurde nicht nur verlängert, sondern auch die Zahl der begünstigten Museen wurde von sechs auf 16 erweitert. Ein weiteres Indiz, welch wichtige Rolle die Digitalisierung in der deutschen Museumslandschaft spielt. Und so sind wir nicht Opfer, sondern sogar Profiteure der Pandemie geworden – im finanziellen Sinne und zugunsten einer Weiterentwicklung der digitalen Angebote im Fastnachtsmuseum.

Was sind nun die neuen Ideen und Aufgaben im “Pandemieverlängerungsjahr”?

1. Das virtuelle Fastnachtsmuseum

Eine Idee, die gleich aufgegriffen wurde und die nahezu auf der Hand liegt, ist die Erweiterung des virtuellen Fastnachtsmuseums um das Modul der ausgefallenen Fastnacht 2021. Auch wenn die meisten Fastnachtsveranstaltungen ausfallen mussten, weil eine Zusammenkunft von Menschengruppen weder erlaubt noch vernünftig gewesen wäre, gab es eine ganz neue Entwicklung im Reich des Internets auf unterschiedlichen Social Media-Kanälen zu beobachten, welche wir mit Interesse zur Kenntnis nahmen. Und so nahm es Prof. Dr. Werner Mezger (inhaltliche Konzeption museum4punkt0) gemeinsam mit Saray Paredes-Zavala (wissenschaftliche Museumsleitung) und Ingeborg Rüth (Archivarin der VSAN) in Angriff, exemplarisch besonders herausragende Beiträge zur Fastnacht 2021 aus dem Netz aufzugreifen, um diese dauerhaft über das virtuelle Museum den Interessierten zugänglich zu machen.

Darüber hinaus wird die Folklore Europaea an das virtuelle Museum angeschlossen. Dabei handelt es sich um eine Datenbank, in der mehrere tausend traditionelle Feste, Bräuche und Traditionen in ganz Europa gesammelt, geografisch zugeordnet und beschrieben werden. Mit ihren Recherchen zu den unterschiedlichsten Festen im Jahreszyklus unterstützt die Studentin Lena Buß seit Juni dieses Jahres das Team von m4p0 im Narrenschopf. Mit dem Relaunch rechnen wir im kommenden Winterhalbjahr.

Als Ergänzung zu dieser Erweiterung erfuhr die Webseite noch eine weitere Aufwertung: Die Inhalte konnten ins Englische übersetzt werden, somit ist der Webauftritt nun zweisprachig, wodurch eine internationale Vernetzung erleichtert wird.

Ein bemerkenswertes Ereignis im Zusammenhang mit dem virtuellen Museum gibt es noch zu berichten: Im Frühjahr erhielten wir für die Webseite den Intermedia-Globe in silber beim World Media Festival in Hamburg. Eine Auszeichnung, die von Thorsten Frei MdB im Narrenschopf feierlich an das Museumsteam überreicht wurde.

2. Der Narrenspiegel

Eigentlich war es ein Fastnachtsscherz des neuen wissenschaftlichen Mitarbeiters Peter Bandle. Zur Teambesprechung am Rosenmontag, die aus dem Home-Office heraus online stattfinden musste, setzte er eine virtuelle Hexenmaske auf. Das ganze Team war amüsiert, und so war die Idee geboren, dieses Spiel mit der eigenen Identität ins Museum zu bringen. Ab sofort können sich alle Museumsbesucher*innen im Museum eine virtuelle Maske aufsetzen, indem sie in den Narrenspiegel blicken.

Wer bin ich?
Wer bin ich? Vera Jovic-Burger, Projektkoordinatorin museum4punkt0, blickt in den Narrenspiegel. Foto: Peter Bandle, CC BY 4.0

3. Der Ambraser Teller

Der Ambraser Teller ist ein übervoll mit Narrenmotiven bemalter Teller aus dem Jahre 1528.

Dabei ist die Geschichte von der Entstehung des Tellers bis zur heutigen Präsentation auf Schloss Ambras bei Innsbruck beinahe ebenso spannend wie die Entschlüsselung der zahlreichen dargestellten Narrenmotive (siehe ausführlicher Bericht: Mezger, Werner (2019). Der Ambraser Zierteller. In: Narrenbote Nr. 43, S. 28 ff).

Das Original des Tellers ist für das Fastnachtsmuseum unerreichbar. Daher entstand die Idee, das Objekt digital ins Museum zu bringen: In etwa doppelt so groß wie das Original, wird hoch aufgelöstes Bildmaterial des kunstvoll bemalten Tellers auf die Wand projiziert. Einzelne Szenen werden mittels eines Sprechertextes erklärt und spielerisch erfahrbar gemacht. Die Besucher*innen können selbst bestimmen, in welchem Tempo sie den Teller erforschen möchten, ob sie Hilfe annehmen und dafür die Abbildungen anklicken oder ob sie selbst die Narrenattribute wie etwa die zahlreichen versteckten Eselsohren oder den Narrenorden entdecken wollen. Wie auch immer: Die einzigartige Präsentation des Tellers als interaktive Touchprojektion, konzipiert unter der technischen Leitung von Prof. Dr. Ullrich Dittler (Professor für interaktive Medien an der Hochschule Furtwangen) wird ab 2022 eine neue Attraktion im Museum sein.

Zusätzlich gibt es einen neuen Film im Museumskino: Artur Fuss, von Anfang an als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projektteam dabei, erstellt parallel zur interaktiven Version des Kunstwerks einen Film zur Geschichte und den Darstellungen auf dem Ambraser Teller.

Interessant wird dabei im Rahmen des Projektes sein: Gibt es eine Vermittlungsform, die von den Besucher*innen besser angenommen wird? Wie sind die Sehgewohnheiten, gibt es Berührungsängste? Oder ergänzen sich vielleicht beide Angebote, also die interaktive Version und der Film?

Denn das ist neben den Herausforderungen der technischen Entwicklung der zahlreichen digitalen Angebote im gesamten Projekt museum4punkt0 immer noch die spannende Frage: Wie erzeugen wir durch die Digitalisierung einen Mehrwert für unsere Besucher*innen? Wie können wir die Präsentation der Museumsobjekte so umfassend wie möglich optimieren? Es geht um Feldforschung, es geht darum, auch die Erfahrungen an die gesamte Museumslandschaft in Deutschland weiterzugeben, es geht darum, den Anschluss im Wandel nicht zu verlieren. Es geht um Kosten und Akzeptanz, es geht um die Art von Ausstellungen, um Partizipation, Technik und Fortschritt. Und am Ende um die Frage: Was von den vielen digitalen Möglichkeiten bleibt in Zukunft? Wie ist der Anspruch der Öffentlichkeit an das Museum? Welche Technologien setzen sich im Ausstellungsbereich durch? Was ist sinnvoll, was ist nur Spielerei? Und: Wie nehmen wir die Menschen mit, denen der Umgang mit den neuen Technologien schwerfällt? Oder bieten die neuen Möglichkeiten sogar eine Chance, bedürftigen Menschen einen barrierefreien Zugang anzubieten, den es so bisher nicht gab?

Das sind die spannenden Fragen in den kommenden Jahren. Der technologische Fortschritt ist unaufhaltsam, statt Beständigkeit ist alles im Fluss. Nach den Ideen und Prototypen kommt nun die Verstetigung, die dauerhafte Nutzung digitaler Installationen im Museum. Ein neuer Normalzustand.

Auf diesen Weg laden wir alle in der Gesellschaft ein. Auch Sie, liebe Närrinnen und Narren, probieren und genießen Sie die neuen Möglichkeiten, das Eintauchen in die virtuelle reale verrückte Welt der schwäbisch-alemannischen Fastnacht.

Beitrag von: Vera Jovic-Burger

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Teilprojekt: Kulturgut Fastnacht digital
Teilprojekt

Kulturgut Fastnacht digital

Die museum4punkt0-Teams vom Museum Narrenschopf Bad Dürrheim und dem Fasnachtsmuseum Schloss Langenstein vermitteln das Brauchtum Fastnacht digital auf einer Online-Plattform, mittels interaktiver Medienstationen sowie mit dem Projekt einer „Lively Exhibition“.
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