28. Juni 2019
Entwickeln, Teilen, Verbundarbeit, Vermittlungskonzepte, Wissenstransfer

Daten, Doku, Häs & Digitalisate – Nachklapp zum siebten museum4punkt0-Verbundtreffen

Mehrmals im Jahr treffen sich alle Mitglieder von museum4punkt0 zum gemeinsamen Erfahrungsaustausch. Mitte Juni 2019 ging die Reise in den Südwesten Deutschlands zu unseren Partnern der schwäbisch-alemannischen Fastnacht: das Museum Narrenschopf in Bad Dürrheim und das Fasnachtsmuseum Schloss Langenstein mit seinem Projektbüro in Radolfzell.

museum4punkt0 zu Gast bei der schwäbisch-alemannischen Fastnacht, Foto: SPK / S. Faulstich, CC BY 4.0
museum4punkt0 zu Gast bei der schwäbisch-alemannischen Fastnacht, Foto: SPK / S. Faulstich, CC BY 4.0

Beide Museen haben sich die Aufgabe gesetzt, gerade auch die immateriellen Facetten des Kulturerbes Fastnacht im Museum greifbar zu machen – Grund genug also, um in unserem siebten Verbundtreffen einen Blick auf die digitalen Ansätze beider Museen zu werfen.

VR-Betreuung bei einem Minimum an Personal

Im Museum Narrenschopf in Bad Dürrheim vertieften wir unsere Diskussion des letzten Verbundtreffens in München zur Betreuung von VR. Das Museum hat in den vergangenen Jahren zahlreiche 360-Grad-Filme von zentralen Bräuchen und Veranstaltungen der schwäbisch-alemannischen Fastnacht aufgenommen. Ziel hierbei ist es dem/der BetrachterIn ein Erleben der Fastnacht aus neuen Blickwinkeln und damit auch ein Gefühl für die Dynamik und Emotionen dieses gelebten Kulturguts zu ermöglichen.

Eine zentrale Herausforderung für das Museum ist dabei der Betrieb des neuen digitalen Angebots – bei wenig und meist ehrenamtlich aktivem Personal. Im Rundgang durch das Museum erläuterten die Teammitglieder Jan Brunnenkant, Saray Paredes-Zavala und Artur Fuss daher einige ihrer Strategien für den Betrieb. Die entstandenen 360-Grad-Filme werden für verschiedene Ausspielorte aufbereitet:

Ganz besonders spannend ist hierbei die Logistik der VR-Stationen. Das Team des Museum Narrenschopf hat sich für akkubetriebene Brillen entschieden. Sie reduzieren die Gefahr des Stolperns oder Verhedderns in Kabeln, die normalerweise stets durch BetreuerInnen zur Seite geschoben oder an Deckenhalterungen befestigt werden müssen. Gerade bei Sequenzen, die zum Umschauen und Erkunden ermutigen, ist dies ein wichtiger Faktor, da eine blockierende Verkabelung das immersive Erleben der VR-Sequenz stören kann. Damit die neu gewonnene Bewegungsfreiheit aber nicht dazu führt, dass sich NutzerInnen mit der VR-Brille durch das gesamte Museum bewegen oder an wichtigen Exponaten anderen BesucherInnen im Weg stehen, setzt das Team auf feste Ablagestationen mit Sensoren.

VR-Ablagestation im Museum – zunächst als Provisorium für Testzwecke. Foto: SPK / S.Faulstich CC BY 4.0
VR-Ablagestation im Museum – zunächst als Provisorium für Testzwecke. Foto: SPK / S.Faulstich CC BY 4.0
Sensoren zu den VR-Brillen, Foto: SPK / S.Faulstich CC BY 4.0

Entfernt sich ein/e NutzerIn zu weit von der Ablagestation, ertönt ein Geräuschsignal. Die Stationen sind nah am Eingang des Rundgangs positioniert, so dass die Kassen- und Auskunftskraft bei Fragen oder Problemen schnell zur Hilfe hinzustoßen kann. Auf dem Verbundtreffen diskutierten wir zudem aktuelle Überlegungen zu zusätzlichem haptischen Feedback zum Bewegungsradius für weitere Stationen: So eruiert das Museum derzeit beispielsweise, ob sich VR-Bereiche durch Teppiche kennzeichnen lassen, so dass die NutzerInnen direkt unter ihren Füßen spüren, ob sie sich noch im ausgezeichneten VR-Bereich befinden. Ergänzend wurde in der Runde angeregt, die VR-Sequenzen immer dann zu beenden, wenn sich ein/e BesucherIn zu weit vom Sensor entfernt.

Um den Betreuungsaufwand weiter zu reduzieren, arbeitet das Museum Narrenschopf an einer möglichst niedrigschwelligen Navigation in der VR-Sequenz selbst. Durch eine einfache Blicksteuerung soll etwa vermieden werden, dass NutzerInnen die Tastenbelegung eines Controllers erst erlernen müssen.

Noch im Entstehen ist ebenfalls die mobile Kuppel, die für Projektionen für Gruppen genutzt werden wird [link zu Blogbeitrag]. Genau wie das Setup seiner VR-Brillen wird das museum4punkt0-Team im Narrenschopf auch die Anforderungen an den Betrieb, den Aufbau und technische Gegebenheiten dieser Kuppel dokumentieren und zum Projektende zur Verfügung stellen.

Machine Learning trifft Fastnacht

Eine weitere Station des Verbundtreffens war der Besuch des Fasnachtsmuseum Schloss Langenstein und seines museum4punkt0-Projektbüros in Radolfzell. Das Museum konzipiert seine inzwischen mehrere Jahrzehnte alte Präsentation derzeit von Grund auf neu. Angedacht ist ein Parcours, der in verschiedenen Stationen unterschiedliche Aspekte der Fastnacht beleuchtet. Im Zuge von museum4punkt0 experimentiert das Team von Schloss Langenstein dabei mit digitalen Präsentations- und Interaktionsformaten, die den entstehenden Parcours komplementieren können. Im Zentrum steht die Idee eines virtuellen Museumsguides der mit Künstlicher Intelligenz arbeitet und die BesucherInnen begleitet, berät, befragt und ihnen Fragen beantwortet. Der Guide besteht aus einer Kombination von Machine Learning Algorithmen und einem komplexen Datenbanksystem. Dort werden u.a. Daten zu Exponaten und immateriellen Inhalten (wie Bräuchen oder speziellen Handlungen), anonymisierte Daten zu Besuchsverläufen, individuelle BesucherInnenprofile, sowie aggregierte Besucherstrommessungen verarbeitet und ausgewertet.

Die Technik ist in die Ausstellung integriert, bleibt aber für BesucherInnen verborgen. Die Informationsträger bleiben unsichtbar, denn der virtuelle Guide tritt über vernetzte, fest installierte Anwendungen und digitale Inszenierungen (AR-Anwendungen, interaktive Stationen, etc.) mit den RezipientInnen in Dialog. Ziel ist ein möglichst personalisiertes Erlebnis, das Wissensstände zur Fastnacht und Interessen des/der jeweiligen BesucherIn berücksichtigt.

Im Projektbüro in Radolfzell hat das Team dazu prototypische Stationen des Parcours aufgebaut. Mit ihnen können Funktionsweisen der Technik und NutzerInnenverhalten kontinuierlich getestet werden. Das zugrundeliegende System analysiert explizite Eingaben und Interaktionen der NutzerInnen und wertet diese unter Berücksichtigung von implizitem Input wie bspw. Aufenthaltszeiten an Stationen oder den Umfang einer Themenerschließung aus. Auf dieser Datengrundlage können etwa Themen während des Besuchs vorgeschlagen und personalisierte Dialoge an Chatstationen angeboten werden.

Ein wichtiges Element des virtuellen Museumsguides ist beispielsweise die Initialisierungsstation. Zu Beginn des Besuchs wählen die BesucherInnen einen Avatar in Form einer mit Sensoren bestückten Maske. An der Initialisierungsstation werden die BesucherInnen dann gebeten, spielerisch einige wenige Informationen über die eigene Person anzugeben. Dies findet anonym statt. Sämtliche Informationen werden nicht personenbezogen geführt, sondern lediglich dem gewählten Avatar zugeordnet. Dieser derart individuell konfigurierte Begleiter wird während des Besuchs im Museum identifiziert und Informationen entsprechend an den/die BesucherInnen ausgegeben. Ziel sind maßgeschneiderte Dialogsituationen, die auf die BesucherInnen abgestimmt sind. So thematisierte das Team von Schloss Langenstein in der Diskussion mit dem Verbund beispielsweise Herausforderungen bei der Gestaltung der Dialoge: Wie werden etwa die Fragen konzipiert? Welche Arten der Ansprache sind adäquat für verschiedene Zielgruppen? Welche Sprachmodi sollen für unterschiedliche NutzerInnen zum Einsatz kommen?

Gerade der Aspekt der Personalisierung stieß im Verbund auf großes Interesse. Wie lässt sich eine individuelle Informationsvermittlung gestalten, ohne dass man BesucherInnen in eine künstliche „Filterbubble“ versetzt? So war eine Frage aus der Gruppe, wie man auch vermeintlich „disruptives“ NutzerInnenverhalten im Parcours berücksichtigen könnte – etwa, wenn sich eine Person explizit gegen das durch den Guide offerierte Interaktionsangebot entscheiden möchte. Ebenso wurde diskutiert, wie sich eine individualisierte Informationsvermittlung verbinden lässt mit Gruppenerlebnissen – denn BesucherInnen kommen oft in Begleitung ins Museum.

Dauerbrenner: Ergebnissicherung und –dokumentation

Wie bereits in unserem Beitrag zum letzten Verbundtreffen beschrieben, ist die strukturierte Aufbereitung unserer Ergebnisse in museum4punkt0 eine zentrale Aufgabe im jetzigen Projektabschnitt. Auf dem diesmaligen Verbundtreffen knüpften wir an unsere Gespräche von März an und vertieften Einzelfragen zu unserem Dokumentationskonzept: Im Entstehen ist ein Katalog unserer digitalen Vermittlungskonzepte bzw. -anwendungen. Die Idee dahinter ist, nicht nur unsere digitalen Anwendungen nachzuweisen, sondern auch Aspekte aus deren Entwicklung, Betreuung, etc. zu erfassen. Ebenso nachweisen werden wir Digitalisate und born-digital-Objekte, die im Zuge des Projekts angefertigt werden. In der Arbeitsgruppe „Digitale Objekte erschließen“ haben wir uns daher intensiv mit den Fragen des Datenimports beschäftigt. Die im Projekt entstehenden Digitalisate und Assets wollen wir über unser Wissensmanagementsystem verfügbar machen. Dazu müssen die verschiedenen Formate wie Bilder, Videos und 3D-Modelle automatisiert in den Katalog eingespeist werden. Beim Verbundtreffen konnten wir einen Workflow für den Import und ein Metadatenset skizzieren.

AG-Sitzung zum Katalog auf dem Verbundtreffen in Bad Dürrheim. Foto:  SPK/S.Faulstich, CC BY 4.0
AG-Sitzung zum Katalog auf dem Verbundtreffen in Bad Dürrheim. Foto: SPK/S.Faulstich, CC BY 4.0
Dia, Digitalisat, Datenexport – zur Diskussion standen Arbeitsschritte hin zum Katalog. Foto: SPK/S.Faulstich, CC BY 4.0

Weiterhin beschäftigen wird uns auch die redaktionelle Bearbeitung und Präsentation unserer höchst unterschiedlichen Ergebnisse und Erfahrungen. Die Teilprojekte von museum4punkt0 widmen sich ähnlichen Herausforderungen oft auf unterschiedlichen Wegen. Als Verbundprojekt lebt museum4punkt0 daher gerade auch von der vergleichenden Perspektive und von Wissenstransfers. Um einen teilprojektübergreifenden, thematisch strukturierten Blick auf die Projekterfahrungen zu bieten, haben wir daher in einer Schreibwerkstatt jene Themen identifiziert, die sich besonders für eine vergleichende Reflektion eignen oder die in der Summe unserer bislang antizipierten Erfahrungsberichte noch nicht berücksichtigt sind. Beispielsweise beschäftigen Fragen zu administrativen Abläufen und Vorbereitungen im Vorfeld von Ausschreibungen oder auch zu Aspekten des museumsspezifischen Projektmanagements bei iterativen Entwicklungsprozessen nicht nur uns, sondern auch zahlreiche unserer externen Gesprächspartner. Zu derartigen „Metathemen“, die nicht ausschließlich an eine konkrete digitale Anwendung gebunden sind, wollen wir ebenfalls Erfahrungswissen aus dem Verbund sammeln, vergleichend darstellen und redaktionell aufbereiten.

Trotz des vollen Programms blieb noch genug Zeit, Einblicke in die Sammlung zweier in ihrer Region tief verwurzelter Museen und einige Besonderheiten der schwäbisch-alemannischen Fastnacht zu erhalten. Ein herzliches Dankeschön gebührt daher unseren Gastgebern für Ihren Einsatz während unseres Verbundtreffens!

Beitrag von: Silvia Faulstich

Kommentar verfassen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Weitere Informationen zum Datenschutz und dem Umgang mit personenbezogenen Daten entnehmen Sie bitte unserer Datenschutzerklärung.

Kommentare werden sorgfältig von unserer Redaktion geprüft und freigeschaltet.
Eine Freischaltung kann 1–2 Tage in Anspruch nehmen.