25. Juni 2019
Entwickeln, Neuigkeiten, Teilen, Verbundarbeit, Wissenstransfer

Wie katalogisiert man eigentlich virtuelle Realität? – Teil I: Vom Problem zur Idee

museum4punkt0 entwickelt einen Katalog digitaler Vermittlungsformate in Museen. Welche Überlegungen dahinterstecken, stellen wir hier vor.

Vom Browsergame bis hin zum immersiven Virtual Reality (VR)-Erlebnis im Fahrsimulator – in museum4punkt0 entstehen ganz verschiedene Arten digitaler Vermittlungsanwendungen. Die gewählte Technik dient hierbei als Werkzeug für die Vermittlung musealer Inhalte. Zugleich ist ein digitales Bildungs- und Vermittlungsangebot nie eine in sich abgeschlossene Einheit. Vielmehr ist es ein Produkt zahlreicher Arbeitsschritte und Erkenntnisinteressen. So untersuchen die verschiedenen Teams von museum4punkt0 noch im Entwicklungsprozess ihrer Angebote zahlreiche Fragen etwa zur Rezeption, zur Mensch-Maschine-Interaktion und zum Wandel musealer Arbeit.

  • Welche Rolle spielt das Vermittlungsziel für die Auswahl der Technik?
  • Welche Bedürfnisse der BesucherInnen spricht das digitale Format jeweils an?
  • Welche institutionellen Bedingungen müssen vorhanden sein, um etwa ein VR-Erlebnis zu entwickeln und in den laufenden Betrieb zu installieren?

Für das Team der zentralen wissenschaftlichen Projektsteuerung schließen sich weitere Fragen an. Als Projektinstanz, die die Aktivitäten und Erkenntnisse der Teilprojekte bündelt und strukturiert, geht es dabei immer auch um die Gestaltung von Wissenstransfers:

  • Wie wurden die genannten Aspekte vom jeweiligen Teilprojekt beforscht und welche Ergebnisse sind daraus hervorgegangen?
  • Wie wurde der Entwicklungsprozess gestaltet?
  • Welche Teamstrukturen wurden beispielsweise in den jeweiligen Teilprojekten zur Umsetzung eines digitalen Angebots gewählt?

Um all diese Punkte strukturiert zu bündeln, erarbeiten wir derzeit einen Katalog der digitalen Vermittlungsansätze des Projektverbunds. Aufgabe des Katalogs ist es, Zielsetzungen, wichtige Entwicklungsschritte aber auch beteiligte Akteursrollen zu jedem entstehen digitalen Vermittlungsangebot zu dokumentieren und sichtbar zu machen.

Vom reinen Objekt- zum Wissenskatalog

Dieser Ansatz war aber keinesfalls von Anfang an gesetzt. In typisch iterativer museum4punkt0-Manier stand zu Beginn unserer Arbeiten eine intensive Auseinandersetzung mit tatsächlichen Bedarfen im Verbund und darüber hinaus. Ein Teil der Projektförderung war ursprünglich dafür vorgesehen, alle neu digitalisierten Objekte aus dem Verbund in einem Katalog zu bündeln und online zugänglich zu machen.

Dabei war jedoch nicht berücksichtigt, auch das im Verbund entstandene Wissen zu den erarbeiteten Vermittlungsansätzen strukturiert zu erfassen. Mit Europeana und der Deutschen Digitalen Bibliothek gibt es bereits große Aggregationsplattformen, die das digitalisierte Kulturgut in Katalogen zusammentragen. Daher haben wir uns zu Beginn die Frage gestellt, welchen Mehrwert ein weiterer Objektkatalog für unser Projekt und die Öffentlichkeit haben könnte. Dabei haben drei Aspekte unsere Entscheidung beeinflusst:

Erstens: museum4punkt0 vereint sehr heterogene Museen und somit auch Sammlungsobjekte und Disziplinen in einem gemeinsamen Verbund. Welchen Mehrwert hätte es also, ein Digitalisat eines Springschwanzes aus dem Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz mit einem 3D-Scan des Lunar-Rovers aus dem Deutschen Museum, einer digitalen Reproduktion eines Gemäldes der Staatlichen Museen zu Berlin, und einer Fasnachtsmaske in einem neuen Katalog zusammenzutragen?

Äpfel und Birnen...unterschiedliche Objektgattungen in museum4punkt0
Von Äpfel und Birnen…was bringt ein Projekt-Katalog zu heterogenen Sammlungen? Icons by mariannafer from the Noun Project, CC BY 4.0

Zweitens: museum4punkt0 hat den Anspruch, iterativ und interdisziplinär zu arbeiten: Dazu zählt die Analyse von Bedürfnissen, die Festlegung von Zielgruppen, erste Design- und Konzeptionsentwürfe, Testing mit User-Gruppen, Evaluation, Anpassung des Entwurfes und Konzeptes, und erneute Testings. Welche Funktion kann in diesem Zusammenhang ein ‚digitaler Katalog‘ im Museum spielen?

Welches Wissen sollte zu einem digitalen Angebot festgehalten werden? Grafik: basierend auf freepik; Icon „VR“ von mardjoe (Noun Project)

Um diese Frage für uns zu beantworten, galt es zunächst zu hinterfragen wovon meistens die Rede ist, wenn es um ‚Daten und Wissen im Museum‘ geht. Das Herzstück zur Verwaltung des Wissens eines Museums ist üblicherweise das Sammlungs- bzw. Objektdokumentationssystem. Es fungiert überwiegend als Bestandsnachweis. In manchen Fällen werden gegebenenfalls noch Informationen zur Integration der Museumsobjekte in Ausstellungen, Verleihstatus, ihr Restaurierungszustand oder Standort digital erfasst. Darüber hinaus werden aber meist nur wenige Informationen zur musealen Arbeit und damit zusammenhängende Wissensbestände systematisch in Datenbanken dokumentiert.

In unserem Projekt ist Forschung im Museum nicht ausschließlich objektzentriert, sondern umfasst verschiedene Disziplinen und Wissensformen. Auch Vermittlungsmethoden und -strategien werden beispielsweise im musealen Kontext forschend weiterentwickelt. Allerdings findet deren (formalisierte) Dokumentation und Verschränkung mit Objekt- und Sammlungswissen in den bestehenden Dokumentationssystemen bisher kaum statt.

Dies steht diametral zu dem gesteigerten Informationsbedürfnis, das viele Museen im digitalen Wandel haben. Es fehlt schlichtweg an Informationsquellen, die es den Institutionen ermöglichen abzuschätzen, auf welche Kriterien sie bei kreativ-digitalen Entwicklungsprozessen achten müssen. Diese Lücke konnten wir aus eigener Erfahrung im Projekt und auch im Austausch mit externen Fachkollegen identifizieren.

Wissen in der Institution sammeln, ‚kuratieren‘ und ausbauen

Wir möchten daher die Ergebnisse des Verbundprojekts so dokumentieren, dass sie anderen Museen Hilfestellung bei der Entwicklung eigener Angebote geben können. Welche Anforderungen müssen aber an einen Katalog digitaler Anwendungen und Objekte im Kontext musealer Vermittlung und Forschung gestellt werden? Wie katalogisiert man beispielsweise Virtuelle Realität, oder vielmehr das Wissen, das sich um sie herum in einer Institution aufbaut? Dieser Frage wenden wir uns in einem zweiten Blogbeitrag zu. Der Entwicklungsprozess des Katalogs wird kontinuierlich hier im Blog begleitet.

Beitrag von: Katrin Glinka und Franziska Diehr

Ein Kommentar

  1. Vielen Dank für diesen Einblick! Fragen zu stellen und diese Herangehensweise auch nachvollziehbar zu machen, finde ich super.
    Mir wird immer klarer, wie wichtig der 360 Grad Blick ist. Und dass alles extrem komplex ist. Aber man kann nur gewinnen, wenn man sich darauf einlässt und Schritt für Schritt vorangeht. Gut, wenn man Ziele vor Augen hat und sich strategisch gut aufstellt.

    Herzliche Grüße in die Runde
    Anke von Heyl

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