22. April 2020
BesucherInnen im Blick, Testen & Evaluieren, Unkategorisiert, Wissenstransfer

Im Home Office mehr über virtuelle BesucherInnen und Online-Museumsformate lernen

Nutzer- und Rezeptionsforschung in Zeiten geschlossener Museen? Josefine Otte über Erkenntnisse zu digitaler Vermittlung vom heimischen Schreibtisch.

Im Teilprojekt der Staatlichen Museen zu Berlin von museum4punkt0 gehen wir von der Annahme aus, dass die Entwicklung digitaler Vermittlungs- und Service-Angebote rundum die individuellen Visitor Journeys unserer Besucherinnen und Besucher nur im engen Dialog mit den Zielgruppen stattfinden kann. Hierbei sind nicht allein regelmäßig stattfindende NutzerInnen-Tests der unterschiedlichen Konzeptideen erforderlich, sondern vielmehr auch das Verständnis zum Mehrwert digitaler Angebote aus BesucherInnen-Perspektive.

Täglicher virtueller Spaziergang durch die Online-Angebote der Staatlichen Museen zu Berlin
Täglicher virtueller Spaziergang durch die Online-Angebote der Staatlichen Museen zu Berlin

Pre-Covid19 führten wir deswegen eine groß angelegte Grundlagenstudie sowie systematisch aufgebaute Rezeptionsforschungsprojekte zu unterschiedlichen Vermittlungsformaten durch, um die Wünsche und Bedürfnisse unserer BesucherInnen hinsichtlich digitaler Angebote besser verstehen zu können. Wir wollen erkennen, welche Vermittlungsziele seitens des Museums sich für welche Formate aus NutzerInnen-Perspektive am besten eignen. Wir wollen die Möglichkeiten unterschiedlicher Arten von Vermittlung zur Ansprache von unterschiedlichen Zielgruppen erforschen.

Zunehmende Bedeutung digitaler Vermittlungsangebote

Die Bedeutung von digitalen Museumsangeboten ist nun, in Zeiten von geschlossenen Museen und Social Distancing zur Eindämmung von Covid-19, in besonderem Maße beachtet. Während ein physischer Besuch der Museen in dieser Zeit nicht möglich ist, wünschen sich die Menschen Abwechslung und Inspiration durch kulturelle Angebote.

Nachdem Einrichtungen Notfallpläne erstellt und sich Teams im Home Office eingerichtet hatten, wächst das vielfältige Angebot, um mit den BesucherInnen in Kontakt zu bleiben: Online kann man nun per Livestream oder on demand an Führungen teilnehmen, Rundgänge auf eigene Faust unternehmen, kann Themenvideos über die Museumsarbeit hinter den Kulissen sehen, wird in digitalen Challenges dazu aufgefordert, sich mit Kunst auseinander zu setzen.

Man erhält die Möglichkeit, sich zu Hause viel Zeit nehmen, Objekte in all ihren Facetten, Details und versteckten Hintergründen für sich zu entdecken, ja sogar an Vortragsreihen und Vernissagen teilzunehmen.

Selbstreflektion im Home-Office: Welches Online-Format passt?

Auch mir selbst fehlen die Museen und der Kontakt zu den BesucherInnen im Home-Office sehr. Zwischen meiner Zeit am Schreibtisch, Videomeetings und der Betreuung meines dreijährigen Sohnes zu Hause, der vielen meiner museum4punkt0-Kollegen mittlerweile schon digital zugewunken hat und sie die „Hallo-Sager“ nennt, finde ich nur wenig Zeit, selbst die vielen tollen Online-Angebote genießen zu können.

Umso mehr habe ich nur die Formate angeklickt, die mich besonders angesprochen haben, etwa wegen eines spannenden Themas, ihrer Neuartigkeit oder auch auf Empfehlung von Freunden. Die Reflektion dieses Verhaltens hat mein professionelles Interesse am Nutzungs- und Rezeptionsverhalten von digitalen MuseumsbesucherInnen geweckt: Welche Formate sind aktuell besonders beliebt? Wie reagieren die Menschen auf ihr digitales Museumserlebnis? Welche Wünsche, Assoziationen und Gedanken hinterlassen sie in Feedbacks per Direktnachricht und Kommentaren?

Mehr erfahren über unterschiedliche Bedürfnisse im Digitalen

Der Tatendrang und die Kommentarfreude unserer digitalen BesucherInnen in der aktuellen Ausnahmesituation, ohne die Möglichkeit eines physischen Museumsbesuches, stellen für die Museumswelt die große Möglichkeit dar, mehr darüber zu erfahren, welche Bedürfnisse unterschiedliche Zielgruppen speziell im Digitalen haben.

Hierüber geben natürlich Click-Zahlen, Konversionsraten zum Beispiel über die Dauer eines Webseiten-Aufenthalts und die Zahl von externen Nennungen viel Aufschluss – lassen Erfolg somit messbar werden. Mich treibt in diesen Tagen jedoch vor allem ein ganz Empathie-getriebener Blick darauf um, wie die virtuellen NutzerInnen auf verschiedene, zum Teil auch experimentelle Vermittlungsformate reagieren, was sie gut finden oder kritisieren, was sie auf die Frage antworten, was sie als nächstes sehen wollen, oder welche Worte sie finden, wenn sie Freunden bei Social Media, zum Beispiel bei Twitter, davon erzählen.

Ergebnis meiner digitalen BesucherInnen-Forschung vom heimischen Schreibtisch aus sollen qualitative Erkenntnisse dazu sein, welche Plattformen und Formate welche Zielgruppen ansprechen und welche Inhalte hier besonders gefragt sind. Online-Formate, mit denen jetzt experimentiert wird, lernen wir so besser kennen und erhalten ein Gefühl dafür, worauf wir in Zukunft bei einem nachhaltigen, zielgruppenspezifischen Einsatz achten müssen.

Ein Beitrag von: Josefine Otte

Teilprojekt: Visitor Journeys neu gedacht – digitale Erweiterung des Museumsbesuchs
Teilprojekt

Visitor Journeys neu gedacht – digitale Erweiterung des Museumsbesuchs

Vor, während, nach dem Besuch – erprobt wird, wie sich vielfältige Kontaktpunkte zum Museum durch neue digitale und immersive Technologien gestalten lassen.

Kommentare

  1. Liebe Frau Otte,

    das klingt sehr vielversprechend und ich bin sehr interessiert an dem, was sie herausfinden. Diese Art der qualitativen Untersuchung der Wirksamkeit verschiedener Formate und Angebote hat mir übrigens auch schon im Analogen gefehlt.

    Viele Grüße und ein freundliches Hallo an den Dreijährigen
    Anke von Heyl

  2. Josefine Otte

    Liebe Frau von Heyl,

    vielen Dank für Ihr Interesse, über das ich mich sehr freue. Der Wunsch nach einer stärkeren Rückkoppelung aller Service- und Vermittlungsangebote mit den Erwartungen und Bedürfnissen der Besucherinnen und Besucher wird tatsächlich immer stärker. Analog und digital sollten zukünftig wirklich stärker gemeinsam gedacht werden. Wir hoffen, ein paar gute Beispiele und Anleitungen bereitstellen zu können, wie man ein sehr qualitatives und damit auch detailreiches und bedürfnisorientiertes Bild der BesucherInnenschaft praxisnah gewinnen und in Entwicklungsprozesse einbeziehen kann.

    Justus und ich grüßen herzlich zurück.

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