20. Oktober 2022
Verbundarbeit, Wissenstransfer

Das 24. museum4punkt0 Verbundtreffen in Görlitz

Besucher*innenforschung für digitale Vermittlungsangebote, Werkstattgespräche und kollegiale Fallberatung: Fachlicher Austausch im Verbund in Görlitz

Gruppenfoto, Personen auf der Treppe
Gruppenfoto, Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Robert Rauch, CC BY 4.0

Am 20. und 21. September lud das Teilprojekt am Senckenberg Museum für Naturkunde zum 24. Verbundtreffen nach Görlitz ein. Das Treffen in der schönen Neiße-Stadt hatte einen besonderen Grund: Der Direktor unseres Partnermuseums der 1. Stunde, Prof. Dr. Willi Xylander, wird zum Ende des Jahres in den Ruhestand verabschiedet. Über 25 Jahre leitete er das Museum, baute es zu einem international anerkannten Forschungsstandort aus und engagierte sich insbesondere durch unzählige Sonderausstellungen und Publikationen in der Wissensvermittlung. Im Juni dieses Jahres wurde Herrn Xylander für sein Lebenswerk mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Gero Dimter, Vizepräsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, würdigte Herrn Xylander in seiner Begrüßung: „Als Museumsdirektor werden Sie nicht nur in Görlitz schmerzlich vermisst werden, doch als Forscher und Brückenbauer bleiben Sie uns sicherlich erhalten.“ Um Herrn Xylander und sein Team in ihrer Wirkungsstätte zu besuchen und die Kolleg*innen von museum4punkt0 persönlich zum fachlichen Austausch und zum Wiedersehen zu treffen, machte sich der Verbund auf den Weg an die polnische Grenze. „Die Form der kollegialen Zusammenarbeit und die enge Vernetzung im Verbund ist an sich innovativ, das hat es vor museum4punkt0 in Deutschland noch nicht gegeben“, so Gero Dimter. Und auch Johann Herzberg, Leiter des Verbundprojektes, resümierte in seiner Begrüßung: „Diese Treffen bringen uns näher zusammen und ermöglichen erst den kollegialen Austausch.“

Johann Herzberg, Leiter des Verbundes, heißt die Teilnehmer*innen herzlich willkommen
Johann Herzberg, Leiter des Verbundes, heißt die Teilnehmer*innen herzlich willkommen, Foto: Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Robert Rausch, CC BY 4.0

Schwerpunkt: Besucher*innenforschung

Um diesen Austausch inhaltlich zu unterstützen, startete das Verbundtreffen mit einem Vortrag über die umfangreiche Thematik der Besucher*innenforschung. Dr. Thomas Renz vom Institut für Kulturelle Teilhabeforschung (IKTf) schaltete sich mit einem Input zum Thema „Befragungen von Besucher*innen digitaler Veranstaltungen und Angebote“ zu und gab einen Überblick über aktuelle Entwicklungen zu diesem Thema. In seinem Vortrag stellte Dr. Thomas Renz Methoden und Projekte zur Besucher*innen- wie zur Nichtbesucher*innenforschung vor.

Nichtbesucher*innenforschung fragt anhand repräsentativer Studien die Bevölkerung nach dem Status Quo der kulturellen Teilhabe, also welche kulturellen Angebote wie, warum und wie oft wahrgenommen bzw. gar nicht rezipiert werden. Um das herauszufinden, verschickt das Institut für Kulturelle Teilhabeforschung Fragebögen in fünf Sprachen an 13.000 Berliner Haushalte. Die Ergebnisse werden der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt und stellen einen repräsentativen Querschnitt der kulturellen Konsumgewohnheiten der Berliner Bevölkerung dar.

Dr. Thomas Renz richtete auf den Ergebnissen der Nichtbesucher*innenforschung aufbauend den Blick zunächst auf ökonomische sowie politische Dimensionen kultureller Teilhabe am Beispiel des Berliner „KulMon“ (KulturMonitoring), dem größten Besucher*innenforschungsprojekt im deutschsprachigen Raum. In dieser langfristig angelegten Studie werden fragebogenbasierte Interviews mit dem Ziel der Erhebung der Benutzer*innenstruktur und -motivation an Kultureinrichtungen geführt. Hier werden Gäste direkt nach dem Besuch kultureller Einrichtungen nach ihren soziodemokrafischen Merkmalen und z.B. der Besuchsmotivation gefragt.

Im Anschluss arbeitete Herr Renz grundsätzliche Herausforderungen der Befragung von Besucher*innen heraus und stellte zwei Methoden für Onlinebefragungen mit ihren Vor- und Nachteilen vor. Während der Entwicklung digitaler Vermittlungsangebote stehen wir häufig vor der Frage, wie Feedback zu diesen Formaten eingeholt oder die Bedürfnisse digitaler Nutzer*innen erkannt und berücksichtigt werden können. Während für die Evaluation von analogen Museumsbesuchen umfangreiche empirische Methodenkataloge angewandt werden (siehe z.B. den Leitfaden des Museumsbunds „Hauptsache Publikum! Besucherforschung für die Museumspraxis“, entdeckt die Fachwelt erst langsam die Möglichkeiten der Auswertung von Onlineangeboten. Dabei stößt man zudem häufig auf methodische und datenschutzrechtliche Probleme.

Online-Befragungen in Form von Fragebögen werden aufgrund der kurzen Aufmerksamkeitsspanne im Netz selten bis zum Ende ausgefüllt und sind daher empirisch weniger aussagekräftig. Des Weiteren ist es schwierig, potenziell teilnehmende Tester*innen zu finden und zum Ausfüllen zu bewegen. Aus diesen Gründen plädiert Thomas Renz für die Implementierung von Befragungen direkt in digitale Angebote und Veranstaltungen.

Im Rahmen von museum4punkt0 hat das Weimarer Teilprojekt „Labor digital. Vermittlungsangebote in und außerhalb der Museen“ ein Tool für Besucher*innenbefragungen entwickelt. Mit kurzweiligen und abwechslungsreichen Umfrageformaten wie beispielsweise Multiple-Choice, Bewertungsskalen und Freitext sowie der Möglichkeit, Umfragen direkt in Videos einzublenden, stellt das „k:evatool“ eine datenschutzkonforme, implementier- und nachnutzbare Option für die Onlinebesucher*innenforschung dar.

Thomas Renz gab den Teilnehmenden zudem einen Ausblick auf die aktuellen Fragestellungen im Bereich der Besucher*innenforschung. Dabei geht es immer wieder um die Fragen, wer die Nutzer*innen digitaler Formate sind und wie Museen mit digitalen Veranstaltungen neue Besucher*innen erreichen können, die sonst nicht ins Museum kämen.

Zugleich wird diskutiert, ob digitale Besucher*innen mit Präsenzbesucher*innen gleichzusetzen sind und welchen Stellenwert Nutzer*innen digitaler Formate im Museum und in anderen Kulturerbeeinrichtungen haben. Das frisch gegründete Netzwerk Besucher*innenforschung widmet sich diesem spannenden Themenkomplex und all diesen Fragen auf seiner Jahrestagung bei unserem Teilprojektpartner Haus der Geschichte in Bonn am 14. und 15. November. Schauen Sie bei Interesse am besten vorbei.

Wir bedanken uns an dieser Stelle herzlich bei Dr. Thomas Renz für seinen Impulsvortrag.

Werkstattgespräche

Nach einer Mittagspause folgte der zweite große Programmpunkt des ersten Tages: die Werkstattgespräche. Werkstattgespräche sind ein Format, in dem die Teilprojekte in einer Art Messestand den aktuellen Projektstand, Problemstellungen oder Prototypen der Anwendungen vorstellen. Dieses Format ermöglicht einen niedrigschwelligen Austausch zu den unterschiedlichsten, mit den Projekten verbundenen Frage- und/oder Problemstellungen. Vor allem in der aktuellen Phase des Verbundprojekts treffen hier Entwicklungsstadien aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten – denn viele Teilprojekte der ersten und zweiten Förderphase haben ihre Projekte bereits abgeschlossen oder sind in den letzten Zügen, ihre Anwendungen fertigzustellen oder zu veröffentlichen. Die neuen Tandem- und Teilprojekte der dritten Förderphase sind oftmals noch dabei, ihre Konzepte zu konkretisieren und befinden sich entsprechend in einer früheren Phase der Entwicklung.

So stellte beispielsweise das Teilprojekt „Eine virtuelle Zeitreise in E.T.A. Hoffmanns Frankfurt“ am Freien Deutschen Hochstift in Frankfurt die geplante AR-Anwendung vor, mit der sich Nutzende mit den Werken E.T.A, Hoffmanns im Frankfurter Stadtraum auseinandersetzen können. Das Tandem-Projekt „VIMUKI 2.0“ zwischen dem Historischen Museum Saar und dem Historischen Museum der Pfalz wiederum bearbeitet aktuell die Online-Plattform, um diese inhaltlich zu verschlanken und zu präzisieren. Die Teilprojekte „Mit der Filmkamera durch Berlin“ der Stiftung Deutsche Kinemathek und „RealDigital – Hybride Kulturveranstaltungen“ der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss stellten ihre bereits veröffentlichten  Ergebnisse „,On Set‘ – standortbasierte AR im Stadtraum“ und das Toolkit „Hallo Hybrid“ zur Planung und Umsetzung hybrider Kulturveranstaltungen vor.

Kollegiale Fallberatung

Der Hauptprogrammpunkt des zweiten Tages des Verbundtreffens war die kollegiale Fallberatung. In einem festgelegten Format werden in Gruppen Lösungsansätze für konkrete Fragestellungen von einzelnen Verbundkolleg*innen erarbeitet. Um zu konkreten Ergebnissen zu gelangen, erfolgte im Gegensatz zu den inhaltlich offenen Werkstattgesprächen eine Moderation, welche die Teilnehmer*innen durch verschiedene Gesprächsphasen führte. Vier Gruppen widmeten sich dabei jeweils einer der folgenden Fragen:

  • Mit welchen technischen Hürden muss man bei der Entwicklung bzw. Nachnutzung von AR-Apps im ländlichen Raum rechnen und welche Lösungen bieten sich an?
  • Wie können Vertiefungsebenen und „wissenschaftlichen Grauzonen“ in einer App dargestellt werden?
  • Wie können Web-Apps bestmöglich in einem partizipativen Prozess in die Dauerausstellung mehrerer Museumsstandorte integriert werden?
  • Ist ein VR-Spiel zu Archäologie für die Zielgruppe Schüler*innen auf einer Lernplattform technisch und inhaltlich sinnvoll?
Strukturierte Problemlösung: Die kollegiale Fallberatung
Strukturierte Problemlösung: Die kollegiale Fallberatung, Foto: Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Christopher Hölzel, CC BY 4.0

Alle Fälle wurden intensiv besprochen und die Ergebnisse stichpunktartig notiert. Die jeweiligen Teilprojekte konnten durch da rege Feedback gute Impulse mit in die weitere Arbeit nehmen. Das Format der kollegialen Fallberatung ist nicht nur ein sinnvolles Tool der Zusammenarbeit im Verbund, sondern eine echte Empfehlung für den fachlichen Austausch, die das gemeinsame Lösen von projektbezogenen Fragestellungen mit einem Spaßfaktor verbindet.

Zusammen im Austausch über digitale Vermittlung

Erneut hat das Treffen mit dem Verbund gezeigt, dass es neben dem Austausch der Projektstände ebenso um das Miteinander und das Kennenlernen von Kolleg*innen und dem damit verbundenen fachlichen Austausch geht. Bei der großen Anzahl der bundesweit verteilten Teilprojekte und der entsprechenden Zahl an Kolleg*innen stellen wir immer wieder fest, wie wichtig der persönliche Kontakt miteinander ist – erst recht für intensivere und strategische Themen. Egal, ob in Form von fachlichem Austausch oder bei einer von Prof. Dr. Willi Xylander speziell kuratierten gemeinsamen Stadtführung durch das abendliche Görlitz. 

Wir bedanken uns beim gesamten museum4punkt0-Verbund für das schöne und gewinnbringende Zusammenkommen und im besonderen Maße bei unseren Kolleg*innen des Görlitzer Teilprojektes für die Einladung, Planung und Mit-Organisation eines weiteren wunderbaren Netzwerktreffens. Wir kommen gerne zurück, nach Sachsen, an die Neiße, nach Görlitz und selbstverständlich ins Senckenberg Museum für Naturkunde. Vorerst heißt es aber für uns, die nächsten Termine vorzubereiten, denn: Nach dem Verbundtreffen ist zum Glück vor dem Verbundtreffen. Wir freuen uns auf den nächsten Austausch!

Beitrag von: Christopher Hölzel und Mira Hoffmann

Teilprojekt: Zentrale wissenschaftliche Projektsteuerung
Teilprojekt

Zentrale wissenschaftliche Projektsteuerung

Das museum4punkt0-Team der Stiftung Preußischer Kulturbesitz steuert das Verbundprojekt, kommuniziert die Projektarbeit, organisiert den Erfahrungsaustausch, teilt Wissen im Rahmen öffentlicher Veranstaltungen und stellt die Projektergebnisse bereit.
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