18. Juni 2021
Verbundarbeit, Vermittlungskonzepte, Wissenstransfer

Erste Schritte im digitalen-diskursiven Raum des IKE

Nachlese: Ein Resümee des ersten Termins der neuen Veranstaltungsreihe museum4punkt0 I werkstatt – Organisiert vom museum4punkt0-Team des Instituts für Museumsforschung.

Blick in den Sitzungssaal des Instituts für Museumsforschung und in die digitale Konferenz
Blick in den Sitzungssaal des Instituts für Museumsforschung und in die digitale Konferenz, Foto: museum4punkt0, CC BY 4.0

Am 21.05.21 fand die museum4punkt0 I werkstatt „Materialisierung des Immateriellen?“ statt. 50 Teilnehmer*innen diskutierten mit uns im digitalen Raum einen ganzen Tag lang die zentralen Themenfelder unseres Teilprojekts und setzten sie miteinander in Beziehung. Dabei ging es um unser Verständnis von immateriellem Kulturerbe (IKE) und seiner Bedeutung und Behandlung im Museumskontext, aber auch um die Nutzung digitaler Anwendungen bei der musealen Vermittlung von IKE mit besonderem Schwerpunkt auf deren Wirkweisen und Anwendungsmöglichkeiten.

Schon der Blick auf die Teilnehmer*innen zeigt, dass die Thematik des IKE und seiner digitalen Vermittlung ein breites Spektrum von Arbeitsfeldern berührt. So waren Kolleg*innen aus Museen, Universitäten und weiteren Forschungseinrichtungen, aus großen und kleinen Organisationen sowie freiberufliche Kulturschaffende vertreten. Einige Teilnehmer*innen vertraten und behandelten registrierte Formen des immateriellen Kulturerbes, andere reflektierten das Konzept IKE im Rahmen ihrer konkreten (digitalen) Vermittlungspraxis.

Immaterielles Kulturerbe und Medienrezeption. Unsere beiden Aktionsfelder werden vorgestellt

Zwei Key Lectures eröffneten den Austausch. Dr. Sophie Elpers, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum Immaterielles Kulturerbe Niederlande (Niederländisches Freilichtmuseum) stellte die umfassende und vielschichtige gesellschaftliche Bedeutung des IKE heraus und betonte die Herausforderungen im Umgang mit dem IKE und seinen vielfältigen Stakeholdern. Das von ihr vorgestellte IK-Paradigma identifizierte Partizipation und die Bildung von Netzwerken als zentrale Handlungsfelder und verortete IKE in einem dynamischen Raum, in dem Werte und Wandlungsprozesse immerfort diskutiert und ausgehandelt werden. Digitale Tools können hier insbesondere der Sichtbarmachung sowie der (unerwarteten) Vernetzung dienen.

Prof. Dr. Stephan Schwan, stellvertretender Direktor des Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM), erbrachte uns in seinem Vortrag wichtige Einblicke in die psychologisch fundierte Besucherforschung und Medienpsychologie sowie ihre methodischen Schwierigkeiten. Dabei unterstrich er die Komplexität von Besuchenden als Herausforderung für entsprechende Untersuchungen und betonte, dass kognitive Verarbeitungsprozesse mit motivationalen und emotionalen Prozessen verbunden sind. Er unterschied zwischen Vermittlungsansätzen, die auf ein Verstehen (etisch) und denjenigen, die auf ein Erleben (emisch) abzielen. Grundsätzlich können museale Medien für beide Vermittlungsfunktionen eingesetzt werden – die spezifische Ausgestaltung entscheidet letztendlich, welche Wahrnehmungen und Erfahrungen durch diese Medien geprägt werden.

Nach der theoretischen Hinführung zu unserem Thema folgten zwei Sessions, die einen Fokus auf den Museumskontext und auf Praxiserfahrungen legten.

Immateriell im Museum

Die erste Session behandelte das IKE im Museum. Hier hörten wir eine kurze Einführung von Prof. Dr. Eva-Maria Seng, Professorin und Inhaberin des Lehrstuhls für Materielles und Immaterielles Kulturerbe an der Uni Paderborn, die in ihrem Impuls die museale Präsentation von IKE kritisch hinterfragte. Sie wies darauf hin, dass die mediale Festschreibung eigentlich dynamischer und performativer Prozesse die Gefahr mit sich bringt, Eindeutigkeiten zu suggerieren und Reduktion zu befördern. Zudem bezweifelte sie, ob das Digitale jenseits konservierender Funktionen echte Teilhabe an IKE ermöglicht. Nach diesem kritischen Impuls folgten drei Präsentationen zu praktischen Beispielen aus der Museumsarbeit. Steffen Krestin, Direktor der Städtischen Sammlungen Cottbus, thematisierte am Beispiel der Kulturarbeit in der Lausitz und speziell mit den Sorben den Wert erfahrungsgeschichtlicher Aspekte, um Kultur- und Identitätsverlust entgegenzuwirken und aktuelle (lokale) Dynamiken und Wandel unter Berücksichtigung diverser Perspektiven zu dokumentieren, erforschen, vermitteln und diskutieren. Katrin Holthaus, Direktorin des LWL-Industriemuseums Glashütte Gernheim, brachte die besonderen Umstände und Zusammenhänge der Ausübung, Tradierung und Vermittlung von Handwerk in die Diskussion ein. Aus ihrer Sicht stoßen digitale Anwendungen schnell an Grenzen, wenn es um die Vermittlung von handwerklicher Praxis, Körperwissen und impliziertes Wissen geht. Im Mittelpunkt des dritten Beitrags standen Aspekte wie vergangenes Wissen, frühere Weltbilder und Praktiken an nicht mehr existenten Orten und Räumen. Jorge Scholz, stellvertretender Leiter der Vermittlungsabteilung der Schleswig-Holsteinischen Stiftung Schloss Gottorf (Verbundpartner museum4punkt0), hob in seiner Präsentation den Beitrag digitaler Anwendungen hervor und zeigte an einem Beispiel, wie Augmented Reality (AR) physische, ideelle und praktische Kontexte sichtbar, erfahrbar und verständlich machen und die personale Vermittlungsarbeit durch weitere Erzählebenen und -formen ergänzen kann.

Rezeption digitaler Anwendungen im Museum

Die zweite Session beschäftigte sich mit digitalen Anwendungen im Museum und ihrer Rezeption. Zur Einführung hielt Josefine Otte, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Nutzer- und Rezeptionsforschung des museum4punkt0-Teilprojekts der Staatlichen Museen zu Berlin, einen Impuls zur Virtual Reality (VR)-Installation des Gemäldes „Der Mönch am Meer“. Die begleitende Rezeptionsstudie konnte aufzeigen, dass die VR-Anwendung geeignet ist, um grundsätzlich interessierte Gelegenheitsbesucher*innen zum Besuch zu motivieren und somit das Publikum weiterzuentwickeln sowie einen emotionalen Zugang zu dem Werk zu ermöglichen. Erfahrene Besucher*innen mit einem hohen Fachwissen erwarten jedoch ein hohes Maß an inhaltlicher Tiefe, die dieses VR-Erlebnis nur bedingt ermöglichen kann. In den nachfolgenden Praxisbeispielen stellte Prof. Dr. Werner Mezger, Professor für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie, Direktor des Freiburger Instituts für Volkskunde der Deutschen des östlichen Europa und Leiter der inhaltlichen Konzeption des museum4punkt0-Teilprojekts des Fastnachtsmuseums Narrenschopf, das virtuelle Fastnachtsmuseum sowie die Datenbank „Folklore Europaea“ vor. In Formaten wie zum Beispiel 360° Filmen, die eine Darstellung der Lebendigkeit, Fluidität und Dynamik des Performativen ermöglichen, sieht er großes Potenzial für die Vermittlung von IKE. Anschließend hielt Stephanie Eißing, stellvertretende Leiterin des Gärtner- und Häckermuseums in Bamberg, einen Vortrag zur Vermittlung des immateriellen Kulturerbes „Urbaner Gartenbau“. Sie berichtete von medialen Angeboten, wie etwa Audioguides und Bildschirmpräsentationen, mit deren Hilfe die Besucher*innen sich individuell mit den Ausstellungsgegenständen und Räumlichkeiten auseinandersetzen können. Auch sie betonte die Bedeutung der „materiellen Greifbarkeit“ und der sinnlichen Erfahrung bei der Vermittlung von IKE. Als letztes Beispiel berichtete Michael Fuchs, Präsident und Vorstand des Fastnachtsmuseums Schloss Langenstein und Teilprojektsteuerung (museum4punkt0), über das webbasierte Werkzeug „Lively Exhibition“ und unterstrich das Potenzial von Anwendungen, deren Inhalte flexibel verändert und dynamisch angepasst werden können und auf diese Weise der unmittelbaren Lebendigkeit des IKE gerecht werden. Der partizipative Ansatz dieser Anwendung ermöglicht außerdem einen direkten Austausch zwischen dem Museum und den Besucher*innen bzw. der jeweiligen community of practice.

Perspektivwechsel: Farben in der Wissensvermittlung

Gudrun Rauwolf, Psychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet Architekturtheorie an der TU Berlin im Bereich Architekturpsychologie, beleuchtete in ihrem Perspektivwechsel die Farbe als Informationsträger bei der Wissensvermittlung. Farben beeinflussen die Wahrnehmung und die Bewertung von Information und erleichtern das Verständnis quantitativer Informationen. Konkret erläuterte sie das Prinzip von Icons Arrays, mit deren Hilfe komplexe numerische, soziale und wirtschaftliche Zusammenhänge anschaulich und verständlich dargestellt werden können.

Immateriell – digital zur Diskussion. Potenziale, Desiderata und Schwierigkeiten für Praxis und Forschung

Auch wenn die Zeit für den Austausch knapp bemessen war, so kam im Chat doch ein reger Austausch zustande. Mehrere Teilnehmende warfen die Frage auf, wie die communities of practice und weitere Stakeholder konkret von den Museen unterstützt werden können, wie Einbeziehung, Partizipation und Kooperation gelingen kann und wie bzw. welche digitalen Anwendungen diese Prozesse unterstützen können. Ein Format, das hier mehrfach genannt wurde, war der Podcast. Diskussionsbedarf gab es auch zu Aspekten der Sichtbarmachung, Sensibilisierung und Bewusstseinsbildung für die verschiedenen Wissensebenen des IKE, gerade auch in Hinblick auf hochspezialisierte und professionalisierte Handwerk-Praktiken und das damit einhergehende Körper- und Erfahrungswissen. Dabei stellte sich in der Diskussion auch die Frage, was passiert, wenn das Wissen mit den Personen auszusterben droht und welche Rolle hier zukünftig KI-Technologien spielen könnten. Die Grenzen der digitalen Vermittlung von IKE wurden von den Diskussionsteilnehmer*innen vor allem im sensorischen Bereich gesehen. Digitale Anwendungen konzentrieren sich bislang auf audio-visuelle Verwendungen und Darstellungen und bilden die anderen sinnlichen Erfahrungen, wie Fühlen, Riechen und Schmecken, die für IKE mindestens genauso wichtig sind, bisher kaum ab.

Insgesamt zeigten die zahlreichen Beispiele, dass digitale Anwendungen großes Potenzial haben, den lebendigen Charakter des IKE aufzugreifen, mithilfe bewegter, interaktiver Formate zu vermitteln und in einzelnen Fällen die Möglichkeit zu Partizipation und Dialog zu bieten. Zugleich besteht noch Bedarf an einem differenzierteren Vorgehen, sowohl hinsichtlich der diversen Zielgruppen als auch im Zusammenhang mit den Vermittlungszielen (Verstehen – (Nach-)Erleben).

Digitale Formate können unter bestimmten Umständen auch die soziale Komponente positiv beeinflussen, im Sinne des kollektiven Aushandelns von Praktiken des IKE. Zwar können digitale Medien das gemeinsame Handeln im selben physischen Raum nicht ersetzen, doch gleichzeitig erweitern sie diesen Aktionsraum eben auch ins Digitale. Genuine Merkmale des IKE wie Flexibilität, Dynamik, Heterogenität, personelle und institutionelle Vernetzung, Partizipation, bottom-up und Multiperspektivität sind gleichzeitig auch in die Funktionsweisen digitaler Formate eingeschrieben.

Unser Fazit am Ende dieses intensiven Austausches: Wir fangen gerade erst damit an, die komplexen Zusammenhänge und Potenziale der digitalen Vermittlung immateriellen Kulturerbes zu erfassen und zu analysieren. Unser Teilprojekt ist daher ein erster, aber umso wichtigerer Schritt auf dem Weg in ein bisher nur wenig bearbeitetes Forschungsgebiet; wir sind sicher, dass die Diskussion der zahlreichen in dieser Werkstatt aufgeworfenen Fragen und Themen in den nächsten Jahren weiter an Bedeutung gewinnen wird.

Beitrag von: Kathrin Grotz, Friederike Berlekamp und Julie Piesbergen

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